2. 'Steckbrief Kunstvermittlung' - eine Einführung
'Steckbrief Kunstvermittlung' - eine Einführung von Stefan Hölscher
Zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum sucht den direkten Weg in die alltägliche Lebenswelt. Sie mischt sich dort ein, wo bereits ohne ihr Zutun alltäglich etwas geschieht. Sie spielt und arbeitet mit dem, was ohnehin stattfindet. Kunst im öffentlichen Raum markiert oder verändert zentrale oder auch abseits gelegene Orte und reagiert auf diese. Sie sucht sich fast unmerklich in ‚homöopathischen Dosen’ oder auch ‚lauthals’ zur Wirkung zu bringen. Sie fügt dem allseits Bekannten und Gewohnten etwas hinzu oder lässt etwas verschwinden.
Wie beim Ausstellungsprojekt Blickwechsel sind zeitgenössische Kunstwerke im öffentlichen Raum weniger Kunstobjekte, die etwas Bestimmtes bedeuten, als außergewöhnliche Situationen, die andere, neue oder auch nur vergessene Erfahrungen ermöglichen sollen. Es sind Eingriffe in die Lebenswelt der BürgerInnen und BesucherInnen, die den Blick auf gewohnte Stadträume, ihre Gestaltung und Funktion irritieren und verändern können – Stichwort Blickwechsel. Sie sind Anlässe und Angebote, Unbemerktes ins Zentrum der Aufmerksamkeit geraten zu lassen, andere Fragen zu stellen oder die gewohnten und geläufigen Funktionen und Bedeutungen der Orte und Dinge erst dadurch wieder zu bemerken, dass sie außer Kraft gesetzt wurden. In diesem Sinne haben sie, ob spielerisch-humorvoll oder philosophisch-tiefgründig, ob provokativ-respektlos oder zurückhaltend-poetisch etwas mit der Rückgewinnung von Freiheit zu tun. Sie können kleine oder große Türen zu neuen und anderen Möglichkeiten aufstoßen, die eigene Lebenswelt wahrzunehmen, über sie nachzudenken oder in ihr zu handeln.
Die Frage der Kunstvermittlung stellt sich dadurch noch einmal auf besondere Weise. Geht es doch weniger darum, im Sinne der Frage‚ ‚was uns denn der Künstler damit sagen wollte’, die vermeintlich feststehenden Bedeutungen von Kunstwerken zu erklären, als vielmehr BesucherInnen und BürgerInnen ihrer Stadt darin zu unterstützen, die durch die künstlerischen Interventionen angebotenen und eröffneten Möglichkeiten des ‚Blickwechsels’, des ‚Neu-Nachdenkens’ und des ‚Selbst-Tätigseins’ zu erkunden und zu ergreifen. Kunst möchte in diesem Sinne genutzt und benutzt sein. Einen solchen produktiven Umgang der BesucherInnen und BewohnerInnen mit der Kunst ihrer Stadt gilt es je nach den Möglichkeiten, im Kleinen oder im Großen, anzustoßen, zu unterstützen oder auch hier und da eine Zeit lang zu begleiten.
Der Steckbrief Kunstvermittlung will im Sinne einer solchen Kulturarbeit vor Ort im Rahmen des Ausstellungsprojektes Blickwechsel bescheidenes Angebot, herzliche Einladung und unterstützende Kommunikationsplattform für die KunstvermittlerInnen des Bundeslandes sein. Er kann aber auch selbst als Instrument der Kunstvermittlung betrachtet und von einem interessierten Publikum entsprechend genutzt werden. Der Steckbrief Kunstvermittlung
• schlägt implizit eine Strategie vor, wie Vermittlungsideen zu jeweiligen künstlerischen Interventionen/Installationen entwickelt werden können. Dieser vorgeschlagene Weg der Erschließung zielt auf einen aktiven Umgang der BesucherInnen und BürgerInnen mit ,ihrem Kunstwerk’ bzw. dem künstlerischen Eingriff in ‚ihrer Stadt’.
• stellt ein Format zur Verfügung, durch das sich die KunstvermittlerInnen vor Ort mit ihren Initiativen und Ideen einander und einer größeren Öffentlichkeit vorstellen, sich austauschen und gegenseitig bereichern können.
• ist eine Ideenbörse, wie Vermittlung von Gegenwartskunst im öffentlichen Raum heute geschehen kann. Alle, die sich mit einem Steckbrief für ‚ihr Kunstwerk’ beteiligen, leisten damit einen Beitrag zu einem größeren Denk- und Ideenraum, in dem Kunstvermittlung im öffentlichen Raum sich heute bewegen und erproben kann.
• ist von der Idee getragen, dass sich die KunstvermittlerInnen der Region als gemeinsame Interessengruppe verstehen, die zwar unter den unterschiedlichsten Bedingungen vor Ort arbeitet, aber letztlich einem gemeinsamen Ziel verpflichtet sind: den BürgerInnen und BesucherInnen ihrer Region Zugang und Teilhabe an der Kunst und das heißt auch und gerade der zeitgenössischen Kunst zu ermöglichen.
Stefan Hölscher
Kunstakademie Münster