Rheineck, Kai

* 1967 in Remscheid (DE), lebt und arbeitet in Düsseldorf

Netzseite des Künstlers

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BLICKWECHSEL in Witten Kai Rheineck Foto: Künstler

Projekt: IRENE

Es scheint, als ob in Witten rund um die Uhr gearbeitet wird, nichts sieht wirklich fertig aus. Kai Rheineck bietet hinter und im Museum eine skulpturale Installation und einen Bildessay als Alternativen.

 

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Alle Fotos © Carsten Gliese

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Kai Rheineck hat sich für seinen Beitrag den Garten des Märkischen Museums in Witten ausgesucht und nimmt Bezug auf die architektonische Situation eines wenig beachteten Randstückes. Er hat die im 17. Jahrhundert entstandenen Sterbetafeln der alten Dionysiuskirche auf einem Lager- und Trafohaus angebracht. Auf diese wenig friedvolle und eigentlich absurde Situation reagiert Kai Rheineck mit der Umgestaltung des Umfeldes. Durch die Neugestaltung eines Teilstückes mittels Rasen sowie Parkbank schafft er einerseits eine angemessene Situation und anderseits Aufmerksamkeit für das unbeachtete Ensemble, gleichzeitig verweist er ironisch auf den fragmentierten Charakter öffentlicher Räume.

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© Kai Rheineck

Diesen Umstand thematisiert Kai Rheineck zudem durch einen Bildessay im Grafischen Kabinett des Märkischen Museums, der in Witten entstand und reflektiert, inwieweit die Gestaltung öffentlicher und privater Räume, hauptsächlich Grünanlagen, die Fortführung industrieller Arbeit und fortlaufender Prozess einer ständigen Transformation ist.

 

„In Thüringen stehen die Sachen da, wo sie gebraucht werden. Was man nicht sieht, ist nicht da. Was man nicht braucht, gibt es nicht. Die Sachen, in denen wir gut sind, sind Sachen, die man nicht sieht. [...] Kommt doch mal einer, so ruft er: ‚Wo ist das Schöne? Ich sehe nichts Schönes!’ und geht weg. Heute ist es überall schön.“ (Reinhard Lettau, Zur Frage der Himmelsrichtungen, München/Wien 1988, S. 33)

Es gibt Werke der Bildenden Kunst, die den Betrachter unvermittelt gefangen nehmen, deren Schönheit unmittelbar berührt und verführt. Und es gibt Werke, deren ‚Kunstwert’ möglicherweise nicht gesichert ist; solche, die man zunächst nicht wahrnimmt, die verborgen und nahezu unsichtbar sind. Sie existieren, ohne dass man von ihnen weiß.

Kai Rheineck überlässt dem Betrachter die Entscheidung darüber, ob das von ihm zur Anschauung gebrachte Objekt über diesen ‚Kunstwert’ verfügt. Ebenso lässt er offen, ob sein Verfahren des Sichtbarmachens ein künstlerisches ist. Sein Augenmerk gilt dem verfügbaren und allgegenwärtigen Repertoire ‚gewöhnlicher’ Dinge und Situationen in den urbanen Zentren und deren Peripherien. Anhand dieses Kosmos der nebensächlichen und beiläufigen Ding-Erscheinungen führt er vor Augen, dass die Welt des Hauptsächlichen vor allen Dingen die Welt des Nebensächlichen ist, obwohl doch das Hauptsächliche das Nebensächliche ebenso wie das Beiläufige ausgrenzt.

„Seit Beginn meiner künstlerischen Versuche hatte ich immer ein ungutes Gefühl dabei, Kunstgegenstände zu produzieren. Ich gehe durch die Straßen, sehe die Läden, die Anlagen, die Ausstellungsräume und denke, es ist eigentlich schon genug da. Warum sollte ich noch etwas dazu stellen und den Haufen von Zeug vergrößern? Wäre es nicht interessanter, das, was da ist, überhaupt zu sehen, die Dinge selber zu Wort kommen zu lassen?“, so Rheineck. Und weiter: „Dass dieses ganze Zeug selbst etwas mitzuteilen habe und dass angeblich ein Lied in allen Dingen sei, das bleibt zunächst nur eine Behauptung. Die Aufgabe ist, dies zu beweisen.“ (Gespräch mit Kai Rheineck, Düsseldorf, 26.06.2010) Damit ist klar: Wesentlichen Anteil an der künstlerischen Produktion von Kai Rheineck haben andere, zumeist anonyme Urheber. Dies scheinbar autorenlose Material findet der Künstler in „kulturellen und gestalterischen Transiträumen“, er greift es auf und ‚approbiert’ es, indem er mit distanziertem Blick Situationen der urbanen Wirklichkeit abbildet oder sie ‚nachschöpft’. Hinter deren geradezu beiläufiger Belanglosigkeit verbirgt sich jedoch mehr als gezeigt wird, wodurch die Vermutung einer Inszenierung aufkommt. Jedoch: Die Realität wird nur soweit inszeniert, wie es die Situation der Straße hergibt. Kunst wird hier zum Medium für die Schaffung von Bildern über das In-Szene-Setzen natürlicher und kultureller Phänomene.

Obwohl Kai Rheineck von tatsächlichen Situationen ausgeht, zielt er nicht auf die Konstruktion ihrer Repräsentation. Stattdessen verhandelt er den konkreten Kontext exemplarisch und phänomenologisch. Denn viele dieser Situationen sind (unfreiwillig) selbst schon Skulptur geworden, indem sie als gestaltete Objekte den Stadtraum besetzen und mitunter auf fragwürdige Weise ‚bereichern’. Es geht Rheineck also weniger um einen spezifischen Sachverhalt, als um die Entwicklung und das Sichtbarmachen eines Typus. Diese Vorgehensweise ist damit exakt das Gegenteil von solchen Künstlerstrategien, die mittels drop sculptures Stadtraummöblierung betreiben. Rheineck richtet sich gegen die Rhetorik dieser Monumente und unterläuft sie durch Zurückhaltung. Er fügt nicht hinzu, sondern nimmt weg. Das, was er mit nüchternem Blick dokumentiert, wird aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgehoben und von diesem getrennt. Nach diesem Eingriff ist nichts mehr so wie zuvor; die Dinge haben zu ihrer eigenen, individuellen Rhetorik gefunden. Hier offenbart sich die zugrunde liegende Idee: Einerseits geht es um das Problem der künstlerischen Reflexion und Abbildbarkeit urbaner und peripherer Strukturen sowie andererseits um die Frage nach den Bedingungen der Konstruktion und Repräsentation von Öffentlichkeit und Identität.

Dirk Steimann