Dyffort, Jens-Uwe + von den Driesch, Roswitha
|
* 1967 in Erfurt (DE) * 1964 Saarburg (DE), leben und arbeiten in Berlin |
![]() |
| BLICKWECHSEL in Troisdorf | Jens-Uwe Dyffort + Roswitha von den Driesch Foto: Thomas Bruns |
Projekt: Troisdorfer Uhrwerke
Das Ticken einer anderen Zeit in einer fünfteiligen Klanginstallation.

Eine Klanginstallation für die Stadt Troisdorf
Im Rahmen der Ausstellung Blickwechsel
Ausstellungsdauer: So 29. August bis So 31.Oktober 2010
Öffnungszeiten: von 0 bis 24 Uhr an 5 öffentlichen Orten in Troisdorf
Zum Download als PDF das Faltblatt mit Beschreibung und Plan der Klanginstallation:
Faltblatt: Vorderseite und Rückseite
Ausstellung BLICKWECHSEL
42 Mitgliedsstädte des Kultursekretariats NRW Gütersloh
KUVE – Kultur und Veranstaltungsgesellschaft der Stadt Troisdorf
Troisdorfer Uhrwerke
Die Stadt Troisdorf umfasst zwölf sehr unterschiedliche Ortsteile. Sie sind geformt durch ihre jeweilige Geschichte, wirtschaftliche Entwicklung und entsprechende Nutzung. So ist beispielsweise der Stadtteil Friedrich-Wilhelms-Hütte durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert geprägt, das Gebiet um den Rittersitz Burg Wissem durch die frühe Besiedlung oder das Gebiet Junkersring durch die heutige Ansiedlung von Logistik-Unternehmen.
Diese in den Ortsteilen sichtbaren unterschiedlichen historischen und wirtschaftlichen Entwicklungen greifen wir in unserer Klanginstallation Troisdorfer Uhrwerke auf. Ausgehend von Prägung, Historie und ehemaliger beziehungsweise heutiger Funktion sind an fünf unterschiedlichen Orten in Troisdorf Gruppen verschiedener akustischer Uhren installiert. Man sieht sie nicht, sondern sie sind durch leises Ticken oder Aufziehgeräusche zu hören. In Bezug zum jeweiligen Ort ticken sie in unterschiedlichen Rhythmen, beispielsweise im 2-Sekunden-Takt, was dem Ticken einer Standuhr, oder im 1/8-Takt, was dem einer Armbanduhr entspricht.
Uhren messen nicht nur die Zeit. Sie sind selbst Zeugnisse einer bestimmten Zeit und repräsentieren den Stand der Technik mit dem entsprechenden Zeitverständnis. Uhren sind ein Symbol für Zeit-Ordnungen, beispielsweise von industriell organisierten Arbeitsstrukturen, sie stehen für den Fluss der Zeit und die Vergänglichkeit. Uhren sind eine Metapher für die Industrialisierung und einen wirtschaftlichen Fortschritt, in dem man Zeit effektiv einteilt und misst, aber auch ein Verweis auf die Verletzlichkeit wachsender Prozesse, zum Beispiel durch künstliche Eingriffe in die Natur. Diese Gedanken aufgreifend sind fünf verschiedene Orte ausgewählt worden, an denen unterschiedliche Konstellationen von Uhren zu hören sind, deren Anzahl, Anordnung und Rhythmen sich aus den charakteristischen Eigenschaften des einzelnen Ortes ergeben. Sie stehen in einem Bezug zueinander und eröffnen fünf verschiedene Blick- und Hörperspektiven auf die Stadt Troisdorf.
Vor dem Werkstor der heutigen Mannstaedt Werke (im 19. Jahrhundert: Friedrich-Wilhelm-Hütte) ticken beispielsweise zwei akustische Uhren im Zwei-Sekunden-Takt, was großen Standuhren entspricht. Zunächst im gleichen Rhythmus tickend, driften sie mit der Zeit auseinander, werden immer langsamer und verstummen, um dann hörbar wieder aufgezogen zu werden und erneut zu beginnen. Wie zwei Uhrwerke, deren Zeit abgelaufen zu sein scheint, die immer wieder verstummen, um erneut durch mühevolles Aufziehen in Betrieb gesetzt zu werden.
Demgegenüber ticken vier Uhren in einem Gebiet mit neu angesiedelten Betrieben im 1/4 Takt einer Armbanduhr. Die Tick-Geräusche überlagern sich so, dass nicht nachvollziehbare Rhythmen entstehen. Anders ticken drei Uhren im einfachen Sekunden-Takt bei der Sondermülldeponie Degussa GmbH. Sie ticken kontinuierlich, ein Zeichen für die Zeit, die abläuft, die Zeit die gezählt ist, wenn man sie nicht unterbricht oder nicht aufwacht, um etwas zu verändern. Weitere ausgewählte Orte sind die ehemaligen Dynamit Nobel-Werke und der Hirschpark bei der Burg Wissem.
Die Klanginstallation Troisdorfer Uhrwerk knüpft an eine Reihe von Arbeiten an, die wir für den Außenraum entwickelt haben. Wir arbeiten mit leisen, lautsprecherspezifischen Klickgeräuschen, die wie ein Echolot zur unmittelbaren Umgebung wirken. Diese Klick-Geräusche erinnern an das leise Ticken einer Uhr. Abhängig von der Akustik des Raumes klingen diese hart und deutlich oder zart und leise. Die Tick-Geräusche korrespondieren akustisch mit ihrer Umgebung. Bei den ehemaligen Dynamit Nobel-Werken beispielsweise mischen sie sich mit den Schussgeräuschen vom nahe liegenden Übungsgelände und im Hirschpark verbinden sie sich mit den Geräuschen der Insekten und Vögel.
Roswitha von den Driesch
»Troisdorfer Uhrwerke« ist eine Klanginstallation für fünf Orte:
1. Ort: Gebiet mit neu angesiedelten Betrieben, Rotter See, Heinkelstr.2, Parkplatz vor dem Autohaus Wiemer.
Auf dem Parkplatz ticken 4 akustische Uhren im 1/4- Takt einer Armbanduhr. Die Tickgeräusche überlagern sich so, dass nicht nachvollziehbare Rhythmen entstehen. Zu hören ist ein sich scheinbar aufschaukelnder akustischer Prozess von Tick- und Aufziehgeräuschen, der zeitweise immer chaotischer wird, abrupt abbricht, um dann erneut zu beginnen.
2. Ort: Eingang Sondermülldeponie Degussa GmbH, Alter Mauspfad, Troisdorf-Spich
Bei der Sondermülldeponie Degussa GmbH ticken 3 akustische Uhren im einfachen Sekunden-Takt. Sie ticken kontinuierlich, ein Zeichen für die Zeit die abläuft, die Zeit die gezählt ist, wenn man diese nicht unterbricht, nicht aufwacht um etwas zu verändern.
3. Ort: Eingang des ehem. Dynamit Nobel-Werkes, 53840 Troisdorf-Mitte, Kaiserstraße 15
Das Gebiet der ehemaligen Dynamit Nobel-Werke ist geprägt durch eine steigende Anzahl verschiedener Betriebe. In der Nähe des Werktors sind 4 akustische Uhren zu hören. Sie spannen ein akustisches Feld auf, in dessen Mitte sich die Straßenkreuzung befindet, die zu den Werkseingängen führt. Die 4 Uhren ticken entgegen dem Takt eines einfachen Uhrwerkes nicht in einem einheitlichen Rhythmus, sondern springen aus dem 1/4- Sekunden-Takt abrupt in einen 1-Sekunden-Takt oder wechseln vom 2-Sekunden-Takt in einen 1/8-Sekunden-Takt. Hin und wieder verstummen sie, um erneut hörbar aufgezogen zu werden. Zu hören ist ein unübersichtlicher akustischer Prozess von Tick- und Aufziehgeräuschen, der sich mit den Umgebungsgeräuschen mischt: mit denen des nahe gelegenen Schießstandes, den Flugzeugen, Autos und dem entfernten Brummen der Stadt.
4. Ort: Burg Wissem, Erfahrungsfeld der Sinne, Am Hirschpark/ Wilhelm-Stricker-Weg, Troisdorf-Mitte
Hinter der Burg Wissem im »Erfahrungsfeld der Sinne« sind 5 akustische Uhren zu hören. Sie markieren 5 Bäume und spannen akustisch ein kleines Feld auf, in dem man verweilen kann. Jede Uhr, Baum hat einen anderen Rhythmus: den einer Standuhr, einer Pendeluhr, eines Weckers, einer Taschenuhr oder einer Armbanduhr. Zu Anfang ticken sie im gleichen Metrum, im Laufe der Zeit verschieben sich die Rhythmen so gegeneinander, dass sich aus der scheinbar geordneten Struktur, die innewohnende Komplexität der Rhythmen entfaltet.
5. Ort: Werkstor der Mannstaedt Werke, im sog. Gleisdreieck, Louis-Mannstaedt-Straße, Troisdorf-West
Vor dem Werkstor der heutigen Mannstaedt Werke (ehemals Friedrich-Wilhelm-Hütte im 19. Jhd.) ticken 2 akustische Uhren im 2-Sekunden-Takt, was großen Standuhren entspricht. Zunächst im gleichen Rhythmus tickend, driften sie mit der Zeit auseinander, werden immer langsamer, und verstummen, um dann hörbar wieder aufgezogen zu werden und erneut zu beginnen. Wie 2 Uhrwerke, deren Zeit abgelaufen zu sein scheint, die immer wieder verstummen um erneut durch mühevolles Aufziehen in Betrieb gesetzt zu werden.
Jens-Uwe Dyffort und Roswitha von den Driesch leben und arbeiten in Berlin. Sie erhielten zahlreiche Stipendien im In- und Ausland und bekamen 2006 den Deutschen Klangkunst-Preis. Ihre Klanginstallationen waren beispielsweise in London, North Adams, Marseille, Maastricht, Metz und Berlin zu hören, sowie 2009 während der Donaueschinger Musiktage – Festival zeitgenössischer Tonkunst. Musik und Radiostücke wurden vom WDR Studio Akustische Kunst, vom Hessischer Rundfunk hr2-kultur uraufgeführt. Jens-Uwe Dyffort studierte Komposition an der Universität der Künste in Berlin. Roswitha von den Driesch studierte Freie Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Seit 1996 arbeiten beide zusammen.
Rede von Stefan Fricke zur Eröffnung am 28.08.2010![]()
