Seiler, Kerim
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* 1974 in Bern (CH), lebt und arbeitet in Zürich |
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| BLICKWECHSEL in Siegen | Kerim Seiler Foto: Jozo Palkovits |
Projekt: Mindspace (Siegen)
Ein Nicht-Ort auf dem offenen Deck eines Parkhauses wird durch ‚Mindspace (Siegen)’ zu einer Bühne, auf der sich Vieles im Kopf der Passanten ereignen kann. Nehmen Sie Platz auf der Zuschauertribüne!


Der Zug ist pünktlich. Noch ehe die Wartenden den Gast aus Zürich in seiner ‚Zufallsstadt‘ erkannt haben, hat er sie bereits ausgemacht. Der Blick des Künstlers ist augenscheinlich geschärft. Kerim Seiler wird am Endpunkt seiner Reise zwei Tage lang Gast an einem ihm gänzlich unbekannten Ort sein.
Die Gastgeber leiten Kerim Seiler, wie es Stadtführer zu tun pflegen. Sie ziehen mit ihm durch die Unterstadt zur Oberstadt (Siegen ist sehr hügelig gelegen), geben Erklärungen zu baulichen Entscheidungen ab, lassen geschichtliche Kenntnisse einfließen, reden von religiösen Prägungen und den damit verbundenen kulturellen Entwicklungen oder machen auf zentrale Punkte im Stadtleben aufmerksam. Zum Rundgang gehört der Besuch im Museum für Gegenwartskunst am Unteren Schloss mit einer erstaunlich umfangreichen Sammlung von Werken der Rubenspreisträger (immerhin wurde Rubens in dieser Stadt geboren) ebenso wie der des Siegerlandmuseums mit hervorragenden Rubensbildern. Der Rundgang schließt auch den nach dem Krieg wieder aufgebauten Altstadtbereich ein. Der Künstler nimmt aktiv teil. Unzählige Fotoschüsse mit der Digitalkamera bilden den dokumentarischen Vorrat für Orte möglicher Kunstinterventionen im öffentlichen Raum.
Wie sich dann herausstellte, hatte Kerim Seiler seine Wahl schon am ersten Tag getroffen. Es handelt sich um die überdachte Einfahrt eines offenen Parkdecks in der Siegener Oberstadt. Das freistehende und eher unscheinbar wirkende architektonische Gebilde, eine Plattform, gleicht einer vergrößerten sechseckigen Tischplatte auf sechs schlanken Säulen. Es steht als Nicht-Ort sicher nicht im Fokus der Fußgänger und Autofahrer, die diese Stelle passieren. Der bewusste Blick auf die Nutzarchitektur hat sich aufgebraucht. Man könnte die Plattform z.B. für einen Helikopterlandeplatz halten. Absicht des Künstlers ist es, durch eine Installation auf dem Dach den Blick der Menschen, die das Parkdeck aufsuchen oder passieren, wieder zu schärfen, indem er dort Mindspace (Siegen) installiert.
Dabei handelt es sich um eine Art mehrstufige, mit erhöhter Rückenlehne versehene Tribüne, die aus farbigen Brettern, Holzlatten und Neonröhren erbaut und auf der Plattform so ausgerichtet ist, dass Besucher den Blick über ein weites Tal und einen gegenüberliegenden Hügel schweifen lassen können. Seiler schafft damit beim Betrachter die Voraussetzung für eine Erweiterung gedanklicher Spielräume. Der Künstler versetzt ihn in die Lage, Raum und Zeit neu zu gestalten, er lässt ihn nicht nur teilhaben am kreativen Prozess, sondern fordert sein eigenes, möglicherweise nur verschüttetes kreatives Potential heraus. Der scheinbar belanglose Ort erhält durch den künstlerischen Eingriff eine andere Wertigkeit und wird zu einem Blickmagneten, der auch dann noch in den Köpfen weiterwirkt, wenn der temporär begrenzte Eingriff beendet sein wird. Mindspace (Siegen) ist in Siegen angekommen.
In abgewandelter Form hat der Künstler sein farblich eindringliches Tribünenobjekt aus Holz und Neon auch schon in anderen Ländern an anderen Orten installiert und dafür gesorgt, dass die Gedanken nicht zum Stillstand kommen und Wahrnehmung irritiert wird.
Albrecht Thomas / Franz-Josef Weber
