Urbschat, Malte
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* 1972 in Kellinghusen (DE), lebt und arbeitet in Berlin |
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| BLICKWECHSEL in Siegburg | Malte Urbschat auf der Galatabrücke in Istanbul Foto: Gülsüm Güler |
Projekt: Boys are back in town
Malte Urbschat veranstaltet mit künstlerischem Vergnügen eine kleine ‚Schnitzeljagd’ durch die Fußgängerzone. An fragwürdigen Orten platziert er seine vergänglichen Installationen und führt Fuß und Blick der Passanten auf überraschenden Pfaden.
Die Kreisstadt Siegburg blickt auf eine lange, geschichtsträchtige Vergangenheit zurück. Weithin sichtbares Symbol ist die Abtei auf dem Michelsberg, darunter, auf konzentriertem Raum, die Innenstadt mit der Fußgängerzone, die sich bis zum ICE-Bahnhof erstreckt. Mit Kreishaus, Finanzamt, Amtsgericht und der Geschäftszone um den Marktplatz herum steht die Stadt im Zentrum eines weitläufigen Einzugsgebiets. ‚Das Städtchen‘ hat seinen besonderen Charme, gerade durch die architektonische Mischung von historischer und zeitgenössischer Substanz und die gelebte Erinnerung, zu der nicht zuletzt die Musikwelt des Engelbert Humperdinck zählt, dem berühmtesten Sohn der Stadt, Komponist der Oper Hänsel und Gretel.
Malte Urbschat ist mit seinen künstlerischen Eingriffen in die Strukturen der Innenstadt genau dieser Mischung von Gegenwart und Historie auf der Spur. In einem Parcour vom Bahnhof bis zum Marktplatz, einem der Hauptwege des Fußgängerbereiches, markiert der Berliner Künstler punktuell eigentümliche Orte, die – dank seiner Interventionen – einen Reigen der Bezüge zu ebendiesen historischen und gegenwärtigen Gegebenheiten der Stadt bilden. Getragen wird die Aktion von einem Song der irischen Band Thin Lizzy (1978), der auch der ‚Ausstellung‘ ihren Titel gibt. Im Rahmen der Eröffnung wird dieser Song im Bahnhof aus dem Off des Schließfachs 007 ertönen, eine Art Soundtrack für die folgenden Positionen. In Boys are back in town wird eine Gruppe junger Männer und deren Rückkehr in ihre Stadt besungen, in der sie, vermutlich zurecht, misstrauisch beäugt werden; jede Schandtat ist ihnen zuzutrauen, die Vorverurteilung ist nur folgerichtig. Die Täter werden zu Opfern, in einem übertragenen Sinne.


Einer dieser ‚Boys‘ findet sich am Käx ankettet wieder, dem Siegburger Schandpfahl, der bereits im Mittelalter auf dem Marktplatz stand, um Übeltäter anzuprangern. Die Fragwürdigkeit der damaligen Gerichtsbarkeit und die Angemessenheit von Tat und Strafe wird ins Visier genommen. Heutzutage oft von Kindern als Spielplatz genutzt, durch benachbarte Wippen und Kreisel in seiner Funktion und Bedeutung bereits konterkariert, hat der Käx längst seinen Schrecken verloren. Urbschat weckt die Schatten der Vergangenheit und zeigt den immer wiederkehrenden Lauf der Dinge auf, die ein anderes Gesicht annehmen, im Wesen aber gleich bleiben und sich schicksalhaft wiederholen. Vor dem Amtsgericht – auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Markt – befindet sich ein merkwürdig verlassener, vergessener Sockel, ein architektonisches Relikt aus vergangenen Tagen, als die Brücke über den Mühlengraben hier einen anderen Verlauf hatte. Dieses rudimentäre Überbleibsel, von Passanten ausgeblendet, weil oder obwohl irritierend funktionslos, bietet sich geradezu als Sockel für ein Kunstobjekt an. Urbschat postiert hier u.a. eine Eule, symbolträchtig und mystisch, wie er sie bereits in früheren Arbeiten wiederholt einsetzte. Mit Blick auf das Amtsgericht wird auch hier die Weisheit des Urteils und die Macht der Gerichtsbarkeit thematisiert, zugleich schlägt die Eule als Fabelwesen den Bogen zur Märchenwelt, in die auch Humperdinck mit seiner Musik einlud. An anderer Stelle findet der aufmerksame Betrachter ein verwaistes Vogelnest, vielleicht das der Eule, fest verankert in der modernen Taubenabwehr eines Marktgeschäftes, mit Blick auf den Käx. Ein leeres Gefäß, das mit (märchenhaften?) Vorstellungen gefüllt werden will. Parallel dazu positioniert Urbschat in der Nähe verschiedener Bankfilialen ein diamantenes Objekt, einem riesigen Kristall gleich, banal und fast beiläufig an einen Fahrradständer gekettet, wie ein Sinnbild des schnöden Mammons, zugleich wie ein wertvolles Urgestein, dass den Ständer überwuchert, um sich in eine neue Zeit zu retten. Irritierend ist hier, wie bei den übrigen Objekten auch, die Materialität, der Widerspruch von augenscheinlicher Kostbarkeit und wertarmem Material, arbeitet Urbschat doch bevorzugt mit künstlichen Stoffen wie Alufolien und Lametta, Verpackungsmaterial, Klebebändern und Leergut, oder mit Konsumgütern wie Strass oder Marken-T-Shirts. Mit dem ästhetischen Eingriff in die ansonsten unspektakulären; urbanen Situationen gelingt Urbschat die poetische Umgestaltung dieser Orte zu ‚Zeitfenstern‘, die in verschiedenen Dimensionen geöffnet werden können und den Passanten neue Reflexionen und Sichtweisen ihrer eigenen Wahrnehmung, aber auch ihrer Gegenwart und Geschichte ermöglichen.
Gundula Caspary

